.jpg)
Foto: H.S.
07.09.2026 - von Axel Fersen
Am Abend des 6. September 2026 zeigte die erste Prognose für Sachsen-Anhalt eine Zahl, die es in der Geschichte der Bundesrepublik noch nicht gegeben hat: 44,5 Prozent für die AfD. Die CDU, 2021 mit 37,1 Prozent noch klar stärkste Kraft, fiel auf 18,5.
Zwischen der ersten und der zweiten Partei liegen 26 Punkte; vor fünf Jahren lagen sie, mit umgekehrtem Vorzeichen, bei 16. Die SPD, die dieses Land nach 1990 einmal regiert hat, landete bei 8 Prozent, hinter Linken und Grünen. Die Wahlbeteiligung lag deutlich über den 60 Prozent von 2021; die Leute sind nicht zu Hause geblieben, sie sind hingegangen.
Gewählt wurde eine Landespartei, deren Maßstab nicht in Magdeburg sitzt, sondern in Erfurt.
Björn Höcke stand in Sachsen-Anhalt auf keinem Stimmzettel, aber der völkische Flügel, den er verkörpert, hat den Landesverband seit Jahren geprägt.
Wer am Sonntag AfD gewählt hat, hat das gewusst. Die Frage, die sich die anderen Parteien stellen müssten, lautet deshalb nicht, wie man diese Wähler beschimpft, sondern wie es so weit kommen konnte.
Die SPD hat sich zwei Jahrzehnte lang in der Rolle eingerichtet, einer Politik die schärfsten Kanten abzuschleifen, die sie nicht entworfen hatte.
Hartz IV war der Anfang, 2005 in Kraft gesetzt von einer sozialdemokratischen Regierung, gegen die eigenen Mitglieder verteidigt und bis heute nur umbenannt. Danach folgten Jahre als Juniorpartner der Union, in denen die Parteiführung offenbar glaubte, es genüge, den Kurs der CDU ein wenig abzufedern, um sich den Arbeitern und Angestellten ausreichend angedient zu haben. Ein Mindestlohn hier, eine Mütterrente dort. Wer im Schichtdienst eine Familie durchbringt, hat das als das erkannt, was es war.
Der größere Sündenfall kam 2022.
Mit der Zeitenwende übernahm die SPD eine Außen- und Rüstungspolitik, die mit Willy Brandt, Egon Bahr und Erhard Eppler nichts mehr zu tun hat, und erklärte sie zugleich für moderner als alles, was diese drei hinterlassen haben. Die Rückkehr zu Abschreckung, Aufrüstung und Blockdenken als Fortschritt gegenüber der Entspannungspolitik: Das ist ein Narrativ, an das in den Betrieben niemand glaubt. Die Partei hat sich in einer Ideologie verschanzt, für die es keine Wähler gibt.
Die Wähler haben das quittiert.
Unter Arbeitern ist die AfD seit der Bundestagswahl 2025 mit 38 Prozent die stärkste Partei, weit vor CDU/CSU mit 22 und der SPD mit 12 Prozent.
Unter allen Gewerkschaftsmitgliedern liegt sie mit 21,7 Prozent knapp hinter der Union (23,1 Prozent), unter gewerkschaftlich organisierten Arbeitern dagegen vorn: 29,9 Prozent gegenüber 23,3 Prozent für CDU/CSU und 20,2 Prozent für die SPD.
Und in den Betriebsratswahlen dieses Frühjahrs haben AfD-nahe Listen in Automobil- und Zulieferwerken Ergebnisse erzielt, die vor fünf Jahren undenkbar waren: bei Mercedes in Untertürkheim rund 20 Prozent der Stimmen und 9 von 43 Mandaten, in Sindelfingen 6,1 Prozent und 3 von 57 Mandaten, in Rastatt 4 Mandate, bei Audi in Ingolstadt und VW in Braunschweig je 2.
Das ist keine Laune. Es hat sich etwas aufgestaut, über Jahre, und die Folgen des Ukraine-Krieges haben den letzten Damm brechen lassen.
Denn das Wohlstandsversprechen, auf dem diese Republik gebaut ist, wird gegenüber der arbeitenden Bevölkerung nicht mehr eingehalten. Mieten und Energiepreise verzehren, was an Lohn übrig bleibt: 2025 gingen im Durchschnitt 24,1 Prozent des verfügbaren Haushaltseinkommens für Wohnkosten drauf, bei Armutsgefährdeten 43,7 Prozent; Gas kostete 79,1 Prozent mehr als im zweiten Halbjahr 2021, Strom 23,4 Prozent mehr.
Sozialer Aufstieg ist für die meisten seit Jahren keine realistische Aussicht mehr, während Kinderarmut und Altersarmut in jedem Stadtteil sichtbar sind: 2025 galten 16,0 Prozent der Unter-18-Jährigen und 19,5 Prozent der Menschen ab 65 Jahren als armutsgefährdet.
Das Privatfernsehen liefert dazu das Kontrastprogramm: Formate, in denen Reichtum als Lebensleistung vorgeführt wird und wer ihn nicht erreicht, als selbst schuld gilt. ...
Weiterlesen bei Link
Weitere Artikel, nach dem Datum ihres Erscheinens geordnet, zum Thema
Arbeit:
31.08.2026: "Die AfD bekämpft Tarifverträge, Mindestlohn und Mitbestimmung"
31.08.2026: Nice Jobs
25.08.2026: Lohn- Entlastungs- + Kündigungsabwehrkämpfe 2026 in Deutschland
Alle Artikel zum Thema
Arbeit