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Raffelhüschen: Babyboomer haben Rentenproblem verursacht !!!

Foto: H.S.

25.06.2026 - von Katja Hauser

Offener Brief an Bernd Raffelhüschen
Guten Tag Herr Raffelhüschen, vielen Dank für Ihre beeindruckende Analyse des Rentenproblems. Nach Jahrzehnten komplizierter Debatten, unzähligen Reformen,politischen Versäumnissen und demografischen Prognosen haben Sie die Ursache endlich gefunden:

Die Baby-Boomer sind schuld.
Genial.

Da arbeiten Menschen vierzig, fünfzig Jahre ihres Lebens, zahlen Rentenbeiträge, Steuern und Sozialabgaben, finanzieren die Renten ihrer Eltern und Großeltern und erfahren nun
von Ihnen, dass sie das Problem selbst verursacht haben.

Man fragt sich natürlich, wie genau das passiert ist.
Haben die Baby-Boomer heimlich die Rentenkasse geplündert? Also die Rentengelder über Jahre zweckentfremdet, als wäre das völlig normal und kein Problem? Haben sie nachts die
Milliarden aus den Sozialversicherungen gekarrt? Haben sie beschlossen, Familienpolitik
über Jahrzehnte stiefmütterlich zu behandeln? Haben sie Kindergärten geschlossen, Betreuungsplätze verknappt und Wohnraum unbezahlbar gemacht? Haben sie dafür gesorgt, dass junge Familien heute jeden Kinderwunsch zuerst durch einen Taschenrechner jagen müssen?

Oder könnte es vielleicht sein, dass Politiker sämtlicher Couleur jahrzehntelang wussten, was auf das Rentensystem zukommt, und dennoch lieber die nächste Wahl als die nächste Generation im Blick hatten?

Den ndieGeburtenzahlen sind ja nicht gestern überraschend vom Himmel gefallen. Dass irgendwann weniger Beitragszahler mehr Rentner finanzieren müssen, war bekannt, als Helmut Kohl noch Kanzler war. Es war bekannt, als GerharSchröder regierte. Es war bekannt, als Angela Merkel regierte. Es war bekannt, als jede einzelne Regierung die Warnungen bekam.

Aber statt nachhaltiger Lösungen gab es das politische Lieblingsspiel Deutschlands:
Vertagen. Verschieben. Aussitzen.

Und nun präsentieren Sie die Menschen, die ihr ganzes Leben lang in dieses System einge-
zahlt haben, als Verursacher des Problems.

Das ist ungefähr so, als würde man den Fahrgästen eines Zugunglücks erklären, sie seien
schuld am Unglück, weil sie eingestiegen sind, während der Lokführer seit Jahren die Warnsignale ignoriert.

Besonders bemerkenswert finde ich dabei die Logik … Jahrzehntelang hieß es, wir bräuchten Kinder, weil diese später die Renten finanzieren.
Dann wurden Familien mit steigenden Lebenshaltungskosten, Wohnungsmangel, mangelnder
Betreuung und fehlender Entlastung konfrontiert. Die Politik schaute zu. Und wenn die Geburtenzahlen daraufhin sinken, erklären Sie die Generation der Eltern und Großeltern zum Problem. Das ist schon eine beeindruckende intellektuelle Akrobatik.

Man könnte fast glauben, die Menschen hätten damals morgens am Küchentisch gesessen und beschlossen: „Schatz, lass uns absichtlich das Rentensystem ruinieren. Das wird in fünfzig Jahren bestimmt lustig.“

Nein, Herr Professor. Die BabyBoomer sind nicht die Ursache eines politischen Versagens. Sie sind dessen Zeugen.

Wer heute ernsthaft behauptet, Millionen normale Arbeitnehmer hätten das Rentenproblem verursacht, betreibt keine Ursachenforschung, sondern Schuldverschiebung. Aber das scheint ja aktuell unfassbar „in“ zu sein.

Ob Regierung oder Experten … Irgendeiner Gruppe der Bürger kann man das komplette Versagen in die Schuhe schieben. Und Schuldverschiebung ist immer dann besonders praktisch, wenn man die tatsächlichen Verantwortlichen lieber nicht benennen möchte.

Die Wahrheit ist nämlich äußerst unbequem. Nicht eine Generation hat versagt. Versagt haben
diejenigen, die über Jahrzehnte die Verantwortung hatten, die Entwicklung zu sehen, zu verstehen und darauf zu reagieren.

Aber natürlich ist es einfacher, mit dem Finger auf Menschen zu zeigen, die heute kurz vor oder bereits in der Rente sind. Die können sich schließlich nicht mehr so leicht gegen jede
pauschale Unterstellung wehren.

Grüße einer Bürgerin, die von Generationen-Bashing ungefähr so viel hält wie von der Idee, jahrzehntelanges politisches Versagen einfach denjenigen anzuhängen, die ihre Beiträge brav überwiesen haben.

Katja Hausner
Rodg

Quelle: Leserbrie OP 22.6.2026