20.09.2006 - von Ulf D. Posé
"Das Alter eines Menschen zum wichtigen Auswahlkriterium bei der Personalauswahl zu machen, ist für den EVW eine Funktionalisierung des Menschenbildes.
Dahinter steht eine tiefgehende Entmenschlichung des Menschenbildes. Je mehr jemand in einer Funktion brauchbar ist, desto wichtiger ist er.
So kommt es im Regelfall, Ausnahmen gibt es sicher, dazu, dass ab siebenundfünfzig der Mensch nicht mehr beschäftigt wird. Er gilt als senil und verkalkt, Alzheimer in Anfängen erkennbar. Solch ein Menschenbild zu haben, und sich nicht darüber im Klaren zu sein, dass solch ein Menschenbild eher verwerflich ist, ist schon erstaunlich. Wobei nicht verschwiegen werden soll, dass es durchaus sittlich verantwortete Entscheidungen geben kann, infolge dessen auch ein älterer Mitarbeiter entlassen wird.
Die sittliche Verantwortung drückt dann jedoch in einer verantworteten Güterabwägung aus. Genau diese ist aber oft zu vermissen.
Der Jugendkult ist unmenschlich.
Der Jugendkult ist in seinen Konsequenzen ein Teil der Unmenschlichkeit den Älteren gegenüber. Es ist absolut töricht, zwei Trainees einzustellen, die die typischen Anfängerfehler begehen, für deren Aus- und Weiterbildung mehr als Fünzigtausend Euro auszugeben, und dafür mit Zwanzig- oder Dreißigtausend Euro einen älteren Mitarbeiter in die Frühverrentung zu schicken.
Das Thema der Frühverrentung war einmal von der Politik gewollt, um so Neueinstellungen zu ermöglichen! Dann wurde es dem Staat zu teuer. Die Gewerkschaften pochen heute noch darauf, die Altersteilzeit tariflich zu verankern, was hier und da auch erfolgt ist. Glücklicherweise hat der Gesetzgeber hier eingegriffen. Konsequent richtig wäre es sicher gewesen, dem Arbeitgeber allein die Kosten für solch ein Vorgehen aufzubürden.
Interessanterweise gilt dies alles für Vorstandsetagen eher nicht. Im gehobenen Führungskreis hat man erkannt, dass Vorstände etc. auch länger als bis zum 65ten Lebensjahr arbeiten sollten, "da ein längerer Nutzen des Erfahrungsschatzes, höher Kontinuität in der Unternehmensführung und Vermeidung von Know-how-Verlust" der Benefit ist.
Zu bemängeln ist, dass dies offensichtlich für den „Arbeiter“ im Industriebetrieb oder Mitarbeiter im mittleren Angestelltenbereich nicht zu gelten scheint. Sicher ist es auch unsinnig anzunehmen, dass das Alter automatisch mit einer bestimmten Erfahrung korreliert, denn manche Menschen nennen das Erfahrung, was sie seit vielen Jahren verkehrt machen.
Der Alterungsprozess bietet allerdings dem Menschen die Chance, mehr Erfahrungen zu sammeln, als jemandem der jung ist. Nur der daran notwendigerweise gekoppelte Interpretationsprozess ist nicht zwingend eine Altersfrage. Das ist eher eine Frage des Intellekts, der Verarbeitungsbereitschaft, der Lernbereitschaft des Einzelnen.
Sich zugunsten eines jüngeren Mitarbeiters von einem 50zig-jährigen zu trennen, macht ökonomisch keinen Sinn. Die derzeitige Umgangsform von Unternehmen mit älteren Mitarbeitern sorgt dafür, dass der Trend zur Verwertung der Jugend eher immer noch zu als abnimmt.
Die Unsinnigkeit dieser Vorgehensweisen liegt in dem Dogma begründet: ‚die Jugend ist prinzipiell fitter als das Alter’.
Das stimmt sicher für die rein körperliche Betätigung. Diese körperliche Fitness jedoch automatisch zu übertragen auf die geistige Fitness, ist Quatsch. Das hat eine gewisse Evidenz in sich, wenn man darüber nicht nachdenkt. Es ist für ein Unternehmen sicher etwas unsinnig zu sagen: ‚jemand, der einhundert Meter schneller läuft als ein anderer Mitarbeiter ist auch sonst in allen anderen Dingen besser als sein Kollege’.
Entscheidend in einem Unternehmen ist eben nicht das Alter, sondern wer trägt besonders gut zur Wettschöpfung bei. Wer schafft die größere Wertschöpfung aufgrund seiner Erfahrung, seinem Umgang mit den Kunden, mit dem Produkt, mit den konkreten Bedürfnissen innerhalb des Unternehmens und außerhalb des Unternehmens. Bei dieser Betrachtung schneiden die alten Menschen sehr gut ab. Diese frühzeitig zu entlassen führt nur dazu, dass sich Unternehmen eines großartigen know hows berauben.
Die Freisetzung von älteren Mitarbeitern ist also äußerst unsinnig, denn mit einer Freisetzung riskiert ein Unternehmen die menschlichen Beziehungen, die ein älterer Mitarbeiter aufgebaut hat. Diese Beziehungen sind ökonomisch sehr relevant, da sie in Jahrzehnten gewachsen sind. Wer diese Beziehungen riskiert, muss enorme Summen investieren, um diese Beziehungen durch junge Mitarbeiter wieder gleichwertig aufbauen zu können.
Ulf D. Posé
(Präsident)
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